Transkript anzeigen Abspielen Pausieren

© Hervé Youmbi, Les masques célèstes, 2017, LWL-Museum für Kunst und Kultur
Foto: LWL / Hanna Neander

TRANCEcolonial - Eine Intervention in der Sammlung des LWL-Museums für Kunst und Kultur

TRANCEcolonial

Im ersten Raum des Museumrundganges begegnen sich Kunstwerke aus unterschiedlichen Zeiten und kulturellen Zusammenhängen. Das mittelalterliche Bockhorster Triumphkreuz tritt in einen Dialog mit der Installation „Les masques célèstes“ des kamerunischen Künstlers Hervé Youmbi, die 2017 für die Skulptur Projekte Münster entstand und nun erstmals im Museumsinnenraum präsentiert wird. Bezeugt wird diese Begegnung von zwei Objekten aus der missionsgeschichtlichen Sammlung „Forum der Völker“ in Werl. Auf den ersten Blick scheint wenig die Werke miteinander zu verbinden. Doch gerade ihre gemeinsame Präsentation eröffnet neue Fragen nach kulturellen und religiösen Vorstellungen, ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden.

Dieser Dialog, entsteht jedoch nicht allein durch die Zusammenstellung der Werke. Erst indem wir als Betrachtende hinzutreten, sie miteinander in Beziehung setzen und aus unseren eigenen Erfahrungen heraus deuten, kann er sich entfalten. Was wir dabei wahrnehmen, hängt auch davon ab, welches Wissen wir mitbringen und welche Vorstellungen unsere Sicht prägen. Zugleich bestimmt das Museum durch die Auswahl und Anordnung der Objekte, welche Begegnungen überhaupt möglich werden. So richtet sich der Blick nicht nur auf die Werke, sondern auch auf die Erzählperspektive des Museums und die Frage, wie sie unser Verständnis von Geschichte beeinflusst.

Mehr Infos

Eine Frage der Perspektive

Auf den ersten Blick scheinen das mittelalterliche Bockhorster Triumphkreuz (Ende 12. Jhd.) und Hervé Youmbis Installation „Les masques célèstes“ (2017) wenig miteinander zu verbinden. Sie entstammen unterschiedlichen Zeiten und kulturellen Zusammenhängen, doch beide berühren grundlegende Fragen des gelebten Glaubens. Welche Bedeutung kommen Objekte innerhalb zeremonieller Praktiken zu? Wie können sie Vorstellungen und Überzeugungen sichtbar machen und eine Verbindung zwischen dem Menschen und dem Überweltlichen oder Spirituellen herstellen?

Während das Triumphkreuz im christlichen Glauben und seiner liturgischen Praxis verankert ist, greift Youmbi mit seinen Masken unterschiedliche religiöse und kulturelle Traditionen auf und setzt sie in einen zeitgenössischen künstlerischen Zusammenhang. Beide Werke verbindet, dass religiöse Objekte weit mehr sein können als bloße Darstellungen: Ihre Bedeutung entsteht auch durch die Handlungen, Vorstellungen und Erfahrungen der Menschen, die mit ihnen in Beziehung treten.

Die gemeinsame Präsentation macht diese Verbindungen sichtbar, ohne die Unterschiede zwischen den Werken und ihren jeweiligen Entstehungszusammenhängen aufzulösen. Sie lädt dazu ein, das vermeintlich Unbekannte nicht allein in seiner Fremdheit wahrzunehmen, sondern auch das Verbindende im scheinbar Unterschiedlichen zu erkennen. 

© Hervé Youmbi, Les masques célèstes, 2017, LWL-Museum für Kunst und Kultur
Foto: LWL / Hanna Neander

Das Forschungsprojekt „PERFORM“

Den Impuls zur Intervention gab das Internationale Forschungsprojekt „Performing Provenance: Contemporary Art, Digital Spaces, and Things from the Cameroon Grassfields (PERFORM)“. Es bringt Forschende, Künstler und Kultureinrichtungen aus Deutschland, Frankreich und Kamerun zusammen und beschäftigt sich mit der kolonialen Geschichte musealer Sammlungen, ihren Provenienzen und den bis heute wirksamen Folgen kolonialer Gewalt. Künstlerische Forschung eröffnet dabei neue Zugänge zu den Objekten, ihren Geschichten und den mit ihnen verbundenen Erfahrungen.

Hier setzt die Intervention „TRANCEcolonial“ an, dessen Titel auf den Performancekünstler Zora Snake zurückgeht. Indem der Begriff der Trance aufgegriffen wird, verweist die Intervention unter anderem darauf, dass die Grenzen zwischen Bewusstsein und Unbewusstem, Selbstbestimmung und Kontrollverlust verschwimmen. Im Zusammenhang mit dem Kolonialen verweist er auf Erfahrungen von Fremdbestimmung und Ohnmacht, deren Folge weit über die historischen Brüche des Kolonialismus hinausreichen. Zugleich fragt die Intervention danach, wie sich vertraute Denkweisen und überlieferte Vorstellungen durchbrechen lassen und welche anderen Perspektiven dadurch möglich werden.

Das Projekt PERFORM wird durch den am Centre Marc Bloch angesiedelten deutsch-französischen Provenienzforschungsfonds zu Kulturgütern aus Subsahara-Afrika ermöglicht. Gefördert von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem französischen Kulturministerium. Ein weiterer Dank gilt dem Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) sowie dem französischen Ministerium für Europa und auswärtige Angelegenheiten (MEAE).

Weitere Informationen zum Projekt und den beteiligten Institutionen können Sie hier abrufen.

© Hervé Youmbi, Les masques célèstes, 2017, LWL-Museum für Kunst und Kultur
Foto: LWL / Hanna Neander

Objekte

© Hervé Youmbi, Les masques célèstes, 2017, LWL-Museum für Kunst und Kultur
Foto: LWL / Hanna Neander

Bockhorster Triumphkreuz, 1185 – 1200, LWL-Museum für Kunst und Kultur. 
Foto: LWL / Hanna Neander

Ungeklärte geografische Herkunft
Aufsatzmaske mit Figur
Unbekannter Entstehungszeitraum
Sammlung „Forum der Völker“
Foto: Sabine Ahlbrand-Dornseif

Sierra Leone 
Colonfigur eines englischen Offiziers
Um 1980
Sammlung „Forum der Völker“, LWL, Münster
Foto: Sabine Ahlbrand-Dornseif

Auftakt

Künstlergespräch mit Hervé Youmbi

Montag, 9.11.2026
19 – 20.30 Uhr

Zum Auftakt der Intervention am Montagabend (9.11.) um 19 Uhr ist der Künstler Youmbi zu Gast im Museum und spricht über sein Werk und künstlerisches Schaffen. Im Anschluss gibt es ein Gespräch mit Dr. Marianne Wagner, Kuratorin für Gegenwartskunst, und Dr. Petra Marx, Kuratorin für Mittelalter, über das Projekt. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Programm:

Begrüßung
Dr. Hermann Arnhold, Direktor des LWL-Museums für Kunst und Kultur

Künstlergespräch
Hervé Youmbi, Künstler
Dr. Petra Marx, Kuratorin für Mittelalterkunst
Dr. Marianne Wagner, Kuratorin für Gegenwartskunst

Symposium

TRANCEcolonial
Performing Provenance – Art, Memory and Colonial Resonances
10. November 2026
LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster, Auditorium

Das Kurzsymposium TRANCEcolonial. Performing Provenance – Art, Memory and Colonial Resonances verbindet künstlerische, wissenschaftliche und museale Perspektiven auf koloniale Provenienzen, historische Gewalterfahrungen und die gegenwärtige Verantwortung von Museen miteinander. Anlässlich des Symposiums bringt das LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster ein Werk von Hervé Youmbi, einem aus Kamerun stammenden Künstler, mit Objekten aus der Sammlung in einen Dialog. Die Veranstaltung in Münster bildet den Auftakt zu einer im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts Performing Provenance: Contemporary Art, Digital Spaces, and Things from the Cameroon Grassfields (PERFORM) initiierten Veranstaltungsreihe, die anschließend im Kontext der Ausstellung return im Rautenstrauch-Joest-Museum Köln am 12. und 13. November 2026 fortgesetzt wird.

Die Veranstaltung findet in englischer und französischer Sprache statt. Alle englischen Beiträge werden ins Französische, alle französischen Beiträge werden ins Englische übersetzt. Handouts in deutscher Sprache werden zur Verfügung gestellt.

Eine Kooperationsveranstaltung des LWL-Museums für Kunst und Kultur und der Kolleg-Forschungsgruppe „Zugang zu kulturellen Gütern im digitalen Wandel“ der Universität Münster im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts PERFORM.

Mit großem Dank für die Unterstützung durch den Deutsch-Französischen Forschungsfonds zur Provenienz von Kulturgütern aus Subsahara-Afrika des Centre Marc Bloch.

Mehr Informationen

Kuratorinnentour

Jeden dritten Mittwoch im Monat, je 60 Minuten

16. Dezember, 16.30 Uhr
Kiana Tellen, wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Gegenwartskunst

20. Januar, 16.30 Uhr
Dr. Petra Marx, Kuratorin für die Kunst des Mittelalters

17. Februar, 16.30 Uhr
Dr. Marianne Wagner, Kuratorin für die Gegenwartskunst

17. März, 16.30 Uhr
Dr. Marianne Wagner, Kuratorin für die Gegenwartskunst

21. April, 16.30 Uhr
Nora Staege, Mitarbeiterin für die digitale Kommunikation

19. Mai, 16.30 Uhr
Nora Staege, Mitarbeiterin für die digitale Kommunikation