Gerhard Richter
Die Gemälde „Strich (auf Blau)“ (1979) und „Strich (auf Rot)“ entstanden 1979/80 im Kontext eines Kunst-am-Bau-Projekts an einer Berufsschule im Kreis Soest und verhandeln im monumentalen Format von 1,90 x 20 Metern eine zentrale Frage in Richters Auseinandersetzung mit der Malerei. Wie ein roter Faden durchzieht sein Werk die Beschäftigung mit der Malerei selbst, mit der Frage, was sie ist und wie sie entsteht.
Gerhard Richters Gesamtwerk lässt sich nur schwer in klare chronologische Phasen oder Stile einteilen. Immer wieder greift er auf bereits verwendete Techniken zurück und entwickelt diese weiter. Ein konstanter Begleiter bleibt jedoch die Fotografie, so auch hier in den beiden gezeigten Gemälden „Strich (auf Blau)“ und „Strich (auf Rot)“.
Seit den 1960er-Jahren nutzt Richter die Fotografie als Material und bearbeitet sie experimentell. Ausgangspunkt für die Gemälde sind Pinselstriche, die er auf Kartons im Maßstab 1:20 ausführte. Diese fotografierte er und projizierte sie mithilfe von Farbdias auf die jeweils fünf Meter langen Leinwände. Die projizierte Form wurde anschließend übertragen und malerisch ausgearbeitet. Dabei bleiben alle gestischen und materiellen Eigenheiten des Entwurfs erhalten. Die in ihrem Wesen abstrakten Bilder zeigen nichts Spezifisches, sondern die Geste des Malens in Form eines einfachen Pinselstrichs. Als Konsequenz der Vergrößerung wirkt der Strich zwar aus der Distanz als klare Form, aus der Nähe zerfällt er jedoch in einzelne Farbflecken. Anstatt ‚nur‘ ein Motiv darzustellen, richtet sich der Blick auf das Medium selbst und auf die Bedingungen, unter denen Wahrnehmung zustande kommt.